Dampfbahnen in Schackendorf
Feuer in den Kesseln
Dampfbahner ziehen auf einer
Privatanlage ihre Kreise
Schackendorf. Das Feuer in dem kleinen Kessel lodert in hellen Flammen. Zunächst ziehen erst recht vorsichtig einige Rauchschwaden aus dem Schornstein, bis es sich bald zu einem kräftigen Dampfen entwickelt. Günter Besser legt noch einige Kohlen nach, etwas Öl für die Achsen und schon zwanzig Minuten später kann es losgehen. Die Western-Lokomotive in ihrem glänzenden blau und rot ist einsatzbereit. „Bei einer großen Lok braucht man eine knappe halbe Stunde, bis der nötige Betriebsdruck erreicht ist“, berichtet Besser den interessierten Zuschauern. Die maßstabsgetreuen Nachbildungen ihrer großen Vorbilder bewegen sich auf den Bahnhof Beckmannshausen zu.
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Einmal im Monat treffen sich die knapp 25 Mitglieder des Dampfbahnclubs Holstein - kurz DB- CH - und kümmern sich liebevoll um ihre Anlage. Da müssen Schienen geschweißt werden, und das Gleisbett bedarf einer Ausbesserung. Zu tun ist eigentlich immer etwas. „Da kommen wir zum Teil gar nicht dazu, unsere Loks zu fahren“, sagt Wolfgang Strüven, eines der Gründungsmitglieder und Kassenwart des Vereins. Zwölf Lokomotiven der unterschiedlichsten Typen und eine große Zahl von Anhängern bewegen sich über das 800 Meter lange Schienennetz auf einem 8.000 Quadratmetern großen Grundstück in Schackendorf, kurz vor Bad Segeberg.
Die Anlage und auch die Züge selbst sind maßstabsgetreue Nachbauten von Originalen. Es gibt eigentlich zwei gängige Maße: siebeneinviertel Zoll und fünf Zoll für die Gleise. Und danach richtet sich natürlich auch die Baugröße für die Loks. Eine Lok für die größere Spurbreite ist im Verhältnis 1:7,8 gebaut. Rund 350 Kilogramm bringt ein solches Gerät auf die Waage. „Daher fahren wir auch meist nur auf unserer eigenen Anlage, weil es sehr aufwendig ist, solche schweren Geräte durch das Land zu fahren“, sagt Johannes Wittkowski, der 14 Jahre als erster Vorsitzender die Geschicke des Vereins gelenkt hat. Zudem sei die nächste Anlage, die sich in Kassel befinde, eine Fünf-Zoll- Anlage. „Da können wir mit unseren Loks gar nicht fahren“, ergänzt er.
Was reizt nun erwachsene Männer - die Frauen begleiten ihre Hobby- Lokführer meist auf das Gelände - ihre Freizeit für dieses Hobby zu opfern? „Mich reizt vor allem das Basteln“, stellt Besser fest, der vor seiner Pensionierung seine Brötchen damit verdiente, einen ICE der Deutschen Bahn AG zu fahren. „Jeder von uns hat zu Hause eine Fräs- und eine Drehbank“, ergänzt Johannes Wittkowski. Dabei entstehen in der Regel aber keine Phantasiemodelle. „Wir bauen nach Bauplänen der Deutschen Bundesbahn“, sagt Strüven und zeigt auf die alte deutsche Dampflok, auf der Hinrich Block inzwischen Platz genommen hat. Der Elektronikingenieur hat zwar auch eine elektrisch betriebene Lok mit viel Elektronik gebaut, heute jedoch präsentiert er mit Heizermütze ausgestattet seine Dampflok. „Dampfbahner sind Individualisten“ konstatiert Wittkowski. Und es sind eher die reiferen Jahrgänge. „Ich schätze unser Durchschnittsalter auf 50 bis 60 Jahre“, sagt der 67jährige Wittkowski.
Wie lange es dauert bis eine solche Lokomotive fertig ist? Die Eisenbahner grübeln: „Zwei bis drei Jahre Arbeit - jeden Tag am Feierabend muß man schon investieren“, stellen sie fest. Strüven hat für seine S 101 sechs Jahre gebraucht. Der Wert der dann entsteht, ist nicht unbeträchtlich. 20.000 bis 40.000 Mark bringt solch ein Exemplar schon, wenn man sich denn tatsächlich davon trennen kann.
Gegründet wurde der Club im Dezember 1980. „Da waren vier Leute, die gern einmal großspurige Eisenbahnmodelle fahren lassen wollten“, erinnert sich Wittkowski. Aber es fehlte am geeigneten Platz. Man suchte an verschiedenen Stellen und als Wittkowski selbst sich - auf Drängen seiner Frau, wie er zugibt - einen Bausatz kaufte und nach einem Gelände Ausschau hielt, fand er das heutige Areal des DB-CH. „Eigentlich wollte ich ja nur für mich so etwas wie einen Kleingarten, wo ich meine Bahn fahren konnte. Als ich aber dieses Gelände sah, kam mir in den Sinn, die anderen Dampfbahner, die immer noch nach einem Gelände suchten, mit einzubinden.“ Das war im Dezember 1980 die Geburtsstunde des Clubs. Bereits im Juni 1981 war dann das erste Oval mit 130 Metern fertig. Das Clubhaus war zunächst ein Campingzelt. „Wir sorgten für einen strapazierfähigen Rasen auf den 5.000 Quadratmetern, die wir zunächst nur hatten. Und von da an entwickelte sich der Club und die Anlage bis zu ihrem heutigen Standard.“
Inzwischen drehen vier Züge auf dem liebevoll angelegten Schienennetz ihre Kreise. Da geht es über einen mit einer Blinkanlage gesicherten Bahnübergang. Zwei Brücken führen über einen Teich. Im Bahnhof Beckmannshausen, der nach dem Verpächter des Grundstücks benannt ist, laufen die Fäden zusammen. Zwölf Weichen werden hier geschaltet, damit Zugunglücke nicht stattfinden.
Und das ist wichtig, schließlich dürfen alle vier Wochen interessierte Besucher sich die Anlage anschauen und natürlich mitfahren. Die Züge schaffen es auch mühelos, Erwachsene zu transportieren. „Wir müssen dann den Betriebsdruck der Loks auf sieben bar halten“, sagt Henning Toffolo-Haupt, der neue erste Vorsitzende des Vereins, und regelt an einem Ventil etwas nach. Nur kommen die Erwachsenen in der Regel nur selten dazu, eine Fahrt zu genießen, weil nach jeder Runde die frei werdenden Plätze gleich wieder von Kindern besetzt sind.
Die Öffentlichkeit hat ein großes Interesse an dieser Anlage, „wir machen aber nur alle vier Wochen solche Tage der offenen Tür, weil wir sonst selbst kaum mehr zum Spielen kommen“, lächelt Wittkowski. So können Interessierte an jedem ersten Sonntag im Monat ab 14 Uhr sich durch die Parkanlage der Dampfbahner fahren lassen. Der Eintritt ist übrigens frei, allerdings freuen sich die Dampfbahner über Spenden. Mit dieser Kohle können die Clubmitglieder dann Kohle für die Loks kaufen.
Carsten Ingwertsen
Im Bahnhof Beckmannshausen laufen alle Fäden zusammen. Zwölf Weichen werden hier geschaltet und sorgen für einen reibungslosen Zugverkehr auf dem rund tausend Meter langen Schienenweg.
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Foto: Ingwertsen
Ein besonderer Spaß für große und kleine Eisenbahnfans sind die Tage der offenen Tür beim Dampfbahnclub Holstein.
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Foto: Ingwertsen
Drei Jahre Arbeit, ein hoher Wert und viel Gewicht stecken in den liebevoll hergestellten Lokomotiven. Zwei Personen werden schon gebraucht, um eine der maßstabsgetreuen Loks anzuheben.
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Foto: Ingwertsen
Bei strahlendem Sommerwetter ist der Tag der offenen Tür beim Dampfbahnclub- Holstein in Schackendorf für die Besucher eine Freude und für die Lokführer und Heizer eine schweißtreibende Tätigkeit.
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Foto: Ingwertsen