Karl-May-Spiele in Bad Segeberg
Die Karl-May-Spiele und das Freilichttheater
Wahrzeichen für Bad Segeberg
Rund fünf Millionen Tonnen Gestein sollen im Laufe des Abbaus aus dem Kalkberg herausgebrochen worden sein. 1931 endete der Abbau, weil in diesem Jahr der Kalkberg zum Naturdenkmal erklärt wurde. Außerdem war der Ertrag schon seit einiger Zeit kaum noch lohnend.
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Nach Abschluss der Arbeiten am Berg, befand sich dieser in einem sehr desolaten Zustand. Bereits 1927 waren Überlegungen angestellt worden, hier ein Freilichttheater zu bauen. Die Realisierung dieses Projektes verzögerte sich allerdings solange, bis sich in den Nationalsozialisten zahlungskräftige Geldgeber fanden. Diese planten den Bau einer Thingstätte. Bereits 1933 hatte Reichspropagandaminister Goebbels der Reichstheaterkammer diesen Wunsch vorgetragen.
Vom ersten Spatenstich am 27. Mai 1934 durch den Gauleiter Oberpräsident Lohse bis 1936 bewegten 120 Männer der Reichsarbeitsdienstgruppe 73 Neumünster Arbeitsgruppe 9 Schafhaus 15.000 Kubikmeter Erde und sprengten 3.000 Kubikmeter Steine, um die nach altem germanischen Vorbild geplante Thingstätte zu errichten.
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Die Reichsarbeitsdienstleute wohnten in Schafhaus - etwa 12 Kilometer von ihrem Einsatzort entfernt. Jeden Morgen ging es dann für, die rund 120 Mann mit dem Fahrrad zum Kalkberg, wo harte Arbeit geleistet wurde. Davon und von der Einweihung der Thingstätte durch Reichspropagandaminister Goebbels erzählt die schon etwas verwitterte Steintafel, die beim Eingang in die Kalkberghöhlen in den Fels gehauen ist.
"Während es sich bei den Freilichtbühnen", so schreibt Stadtbaumeister Hans Schmidt in der Chronik 800 Jahre Segeberg, "zur Hauptsache um die einfache Übertragung des Spiels aus dem geschlossenen Raum ins Freie handelt, wobei heute wertvolles klassisches Gut und zeitgenössische Dichtung gepflegt werden sollen, wird das neue Spiel auf den Thingplätzen aus ganz anderen Gesetzen emporsteigen." Es wolle, so der Stadtbaumeister, die Verbindung zwischen dem nationalpolitischen Leben des Volkes und der Kunst in der künstlerischen Steigerung und Gestaltung der Feste und Kundgebungen erreichen. "Das Spiel auf den Thingplätzen soll und wird die deutschen Menschen, die politisch eine Einheit geworden sind, auch weltanschaulich und geistig miteinander verbinden."
Die Sitzbänke, die vom Reichsarbeitsdienst eingerichtet wurden, sollten aus Stein bestehen. Allerdings ließ sich für diesen Zweck der Fels des Kalkberges nicht verwenden, da es sich dabei um ein hydrostatisches Gestein handelt, das Wasser anzieht, sich letztlich auflösen würde und mit Mörtel keine Verbindung eingeht. Man hat also große Mengen schlesischen Granitsteins (1.200 Tonnen Bruchstein und 2.000 laufende Meter Treppenstufen) herangeschafft, um das Freilichttheater mit einem dem Gipsstein in Art und Farbe vergleichbaren Material zu bestuhlen.
Im Herbst 1937 schließlich weihte Reichspropagandaminister Josef Goebbels die Nordmark-Feierstätte ein. "Das Werk ist fertig, Aufgabe der kommenden Zeit wird es sein, ihm Inhalt zu geben."
Während des Krieges verwaiste das Freilichttheater, bis es nach 1945 wieder aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wurde. Boxveranstaltungen mit Max Schmeling als Ringrichter, Opern und Operetten, seit 1952 die Karl-May-Spiele und später dann auch Rock- und Feuerwehrkonzerte und vieles andere mehr zogen Besucher in das heute maximal 12.000 Menschen fassende Stadion.
Hinter dem Stadion befindet sich der Parkplatz, der während der Karl-May- Spiele mit Bussen übersät ist. Dieser Parkplatz hat 1990 eine neue Teerdecke bekommen - allerdings nicht, um den Parkplatz schöner zu gestalten. Einige Meter unter der Erde befindet sich eine Deponie, deren Inhalt dazu geführt hat, dass die Anerkennung Bad Segebergs als Heilbad im Oktober 1990 zunächst ohne Rechtskraft blieb.

"Im Jahre der 110. Wiederkehr des Geburtstages und der 40. Wiederkehr des Todestages von Karl May finden vom 16. August bis zum 7. September an jedem Sonnabend und Sonntagnachmittag und -abend in Bad Segeberg im Freilichttheater am Kalkberg die Winnetou-Festspiele 1952 statt."
So begann die erste nach echt indianischer Manier zwar nicht in Leder geschnittene, aber doch auf Leder gedruckte Ehreneinladung, die an die Mitglieder der Landesregierung und sonstige Prominente des Landes hinausging, auf deren Besuch die Stadt Bad Segeberg besonderen Wert legte. Und man hatte sich nicht getäuscht, das Neuartige dieser Veranstaltung brachte viele Besucher nicht nur aus Schleswig-Holstein, sondern auch aus anderen Teilen des Bundesgebietes nach Bad Segeberg und machte die Stadt dadurch immer bekannter.
Begonnen hatte alles mit einem einfachen Telefongespräch. In Bad Segeberg hatte der Reichsarbeitsdienst von 1934 bis 1937 aus dem durch den Gipsabbau entstandenen Krater eine Thingstätte nach altgermanischem Vorbild geschaffen, die von Joseph Goebbels feierlich eingeweiht worden war. Krieg und Nachkriegszeit führten allerdings dazu, dass diese monumentale Stätte der Nazis allmählich verwaiste, bis es nach 1945 wieder aus seinem Dornröschenschlaf geweckt wurde. Boxveranstaltungen mit Max Schmeling als Ringrichter, Opern und Operetten, später dann auch Rock- und Feuerwehrkonzerte und vieles andere mehr zogen Besucher in das heute maximal 12.000 Menschen fassende Stadion.
Die entscheidende Idee hatte jedoch der damalige Bürgermeister der Kalkbergstadt, Walter Kasch. Er griff im Frühjahr 1952 zum Telefonhörer und rief bei Jochen Schmid, dem Inhaber des Karl-May-Verlages in Bamberg, an. Schmid, der bislang noch nie etwas von Bad Segeberg gehört hatte, war von der Idee, im Kalkbergstadion Karl-May-Festspiele zu veranstalten, begeistert und hatte auch gleich ein passendes Stück im Kopf. "Winnetou", so meinte Schmid damals, eigne sich für diesen Zweck besonders gut.
Die Stadt selbst hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur zwei Dinge, das Stadion und eine Idee. Bis zum Tag der Premiere war daher noch sehr viel zu tun. Kostüme mussten geschneidert, Schauspieler verpflichtet, das Buch für die Bedingungen der Felsenbühne geschrieben und vieles andere mehr erledigt werden.
Walter Kasch und seine Mitstreiter schafften es, dass sich die Bürger der Stadt mit der Idee der Karl-May-Spiele identifizierten. "Eine Stadt spielt Indianer", dieser Slogan wurde damals noch mit Leben erfüllt. Alles im städtischen Leben geschah im Zeichen der Indianer, sogar Schornsteine wurden statt mit Zylinder mit Federschmuck auf dem Kopf gekehrt.
98.400 Zuschauer in 15 Vorstellungen lockten die ersten Spiele bei "volkstümlichen Eintrittspreisen" zwischen 50 Pfennig und zwei Mark nach Bad Segeberg. Die Zuschauerzahlen der folgenden Jahre waren sehr wechselhaft. Dies hing von vielen Faktoren ab. Das Wetter spielte hier genau so mit hinein wie das Stück, das gezeigt wurde und schließlich auch die Zahl der Aufführungen pro Saison.
1982 schien es mit dem Interesse für die Karl-May-Spiele überhaupt zuende zu gehen. "Winnetou, der rote Gentleman" unter Intendant Klaus- Hagen Latwesen, der auch die Hauptrolle spielte, sahen nur 45.866 zahlende Gäste. Die Bürger der Stadt Bad Segeberg, die die roten Zahlen der Spiele aufzufangen hatten, dachten intensiv über ein Ende der Veranstaltungen kurz nach ihrem 30jährigen Bestehen nach. Aber schon im nächsten Jahr besuchten 131.301 Menschen "Old Surehand". 1987 hatte man die Chance einen neuen Winnetou unter Vertrag zu nehmen: eben den Winnetou schlechthin, Pierre Brice.
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Die Fans des inzwischen schon etwas betagten Oberindianers pilgerten nun nicht mehr an den früheren Wirkungsort des Franzosen, nach Elspe, sondern nach Bad Segeberg, und die Zuschauerzahlen galoppierten mit den Indianern den Berg hinauf. Bei der letzten Vorstellung im letzten Jahr kam es allerdings zum Eklat: 299.255 Personen hätten Winnetou in insgesamt 58 Vorstellungen sterben sehen, meldete die Kalkberg GmbH. Pierre Brice und sein Fan-Club hielten diese Zahl für "getürkt", denn eigentlich sei die 300.000-Zuschauer-Grenze problemlos überschritten gewesen. Für die Kalkberg GmbH, so die Fans, sei es allerdings nur darauf angekommen, sich für das Jubiläumsjahr noch eine Steigerung offenzuhalten.
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Der Slogan "Eine Stadt spielt Indianer" hat trotz oder wegen des steigenden Erfolges der Spiele im Laufe der 40 Jahre für die Segeberger eine neue Bedeutung bekommen. Sieben mal in der Woche, wenn sich der Treck der Karl- May-Besucher durch die Straßen der 15.000 Einwohner zählenden Stadt ergießt, flüchten sie wie die Indianer vor dem weißen Mann. Erst mit Ende der Saison verfällt die Stadt wieder in einen unruhigen Schlaf, der dann nur noch durch die Besucher eines Möbelhauses gestört wird.
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Gojko Mitic war bis 2006 der Bad Segeberger Winnetou
Carsten Ingwertsen