Kieler Umschlag
Der Kieler Umschlag - ein historischer Geldtermin
Entstehung im 15. Jahrhundert
Nur mühsam bahnt sich der Karrenschieber einen Weg durch das dichte Menschengewühl. Von allen Seiten wird gedrängelt und geschoben. Bald stößt er mit dem Rad seines schwer beladenen Karrens gegen einen Kantstein - aus geplatzten Geldsäcken rinnen Spezies und preußische Thaler auf das Kieler Straßenpflaster. Es dauert nicht lange, da eilen die "Eckensteher" zum Unglücksort und helfen dem Dienstmann beim Aufheben der vielen Münzen. Am Schluß des Spektakels fehlt nicht ein Thaler.
Viel Geld wurde bewegt beim Kieler Umschlag, einem historischen Kredittermin, der für die Herzogtümer Schleswig und Holstein von großer Bedeutung war. Wann dieses Ereignis eigentlich entstanden ist, läßt sich heute nicht mehr genau feststellen, es stammt jedoch wahrscheinlich aus der Zeit des beginnenden 15. Jahrhunderts. Seinen Namen hat es vermutlich vom Umstülpen, dem Umschlag der Geldbehälter. Und diese Tätigkeit wurde in jedem Jahr in den kalten Januartagen vielfach ausgeübt.
Grundlage des Kieler Umschlags war ein Zahltag des grundbesitzenden Adels, bei dem Käufe, Verkäufe, Erbschaften, Schenkungen, Leihgeschäfte, Verpfändungen, Verpachtungen, Zehnt- und andere Abgabenzahlungen in großem Umfang anfielen. Mal traf man sich an Martini (11. November), mal an Michaelis (29. September). Auch Lichtmeß (2. Februar) sowie Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten und Weihnachten waren Termine für den Geldhandel in der kleinen aufstrebenden holsteinischen Stadt. Ab 1480 taucht dann erstmals der Drei-Königs-Termin (6.-14. Januar) auf, der dann im 16. Jahrhundert zu einer festen Institution wurde.
Der Umschlag hatte sich auf diesen Wintertermin eingependelt, "weil alsdann die Feldarbeit ruhet, und das Vieh und Korn meistentheils zu Gelde gemacht ist", wie es in einem zeitgenössischen Text heißt.
Aber nicht nur Geldgeschäfte lockten die Besucher des Kieler Umschlags an. Hier hatte man schließlich die Möglichkeit, besondere Angelegenheiten zu regeln. Renten wurden jährlich auf dem Umschlag gezahlt. Gerichtsurteile enthielten den nächsten Umschlag als Zahltag für die Strafen. Der Umschlag gab die Gelegenheit, größere Versammlungen abzuhalten, wie z.B. die Versammlungen der Ritterschaft, der Landwirte und anderer Gruppen. Hier wurden die Bargehälter der Beamten ausgezahlt. Mit der Zeit entwickelte sich der Umschlag zu einem allgemein gültigen Zeitbegriff.
Nicht nur der Adel profitierte
Vor allem aber bedeutete der Kieler Umschlag für die Stadt und ihre Bürger einen großen Nutzen. Die Stadt selbst war an den Umschlagsgeschäften beteiligt, benutzte andererseits den Umschlag auch als Termin zur Abwicklung von Zahlungen, die an die Stadt geleistet werden mußten. Aus den Umschlagsveranstaltungen zog sie ihren Nutzen durch besondere Einnahmen, wie das Stedegeld - die Standgebühren der fahrenden Händler.
Die Bürger der Stadt verdienten ihr Geld mit der Vermietung von Zimmern an die Umschlagsgäste und mit Dienstleistungen wie das in den unbeleuchteten und schmutzigen Straßen Kiels notwendige "Heimleuchten" und mit Sänftentransporten. Von Vorteil für die Kieler Bürger waren der Kram- und der Vergnügungsmarkt mit vielen für die Provinzler interessanten Angeboten.
Den Börgermeister sien Büx

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Die Eröffnung des Kieler Umschlags war jedes Mal wieder ein feierliches Ereignis für die Bürgerschaft. Es begann damit, daß am 6. Januar jeden Jahres um 16 Uhr am Turm der Nikolaikirche im Zentrum der Stadt die Marktfahne aufgehängt wurde. Diese volkstümlich "den Börgermeister sien Büx" genannte Fahne symbolisierte die von der Stadt Kiel verbürgte "Umschlagsfreiheit". Das bedeutete z.B. für Straftäter, die ihre Tat vor dem 6. Januar begangen hatten, daß sie während der Umschlagstage keiner Strafverfolgung unterlagen.
Mit dem Heraushängen der "Bürgermeister-Büx" begann dann auch der Geldmarkt, der bis zum 14. bzw. 17. Januar (für Nachzügler) andauerte. Große Bedeutung und internationale Anerkennung fand der Umschlag wegen der "Umschlagsstrenge". Der Geldtermin war exakt festgelegt, so daß jeder Schuldner oder Gläubiger genau mit seinem oder dem Geld anderer Leute planen konnte. Außerdem konnten sich die Gläubiger ziemlich sicher sein, ihr Geld zum vereinbarten Zeitpunkt zu erhalten.
Konnte der Schuldner seine Zahlungsverpflichtungen nicht erfüllen, begab er sich ins "Einlager". Der Schuldner beziehungsweise sein Bürge mußte sich bis zur endgültigen Zahlung als Geisel an einen bestimmten Ort begeben. Meist handelte es sich dabei um eine Herberge, ein ehrliches Gasthaus innerhalb der Herzogtümer. Bedingung des Schuldners war allerdings, daß das Einlager standesgemäß zu sein hatte. Für die Kosten der Unterbringung hatte der Schuldner aufzukommen.
Sicher hätte sich so mancher Schuldner auch gern vor dem Einlager gedrückt. Der angedrohte Ehrverlust machte jedoch das Rechtsmittel des Einlagers so wirkungsvoll. Wer der Einmahnung des Einlagers nicht folgte oder ohne Zahlung seiner Schulden im Einlager starb, wurde ehrlos. Man verlor seinen guten Namen oder wurde im Todesfall für einige Tage auf der Straße ausgestellt, allen Vorübergehenden zur Warnung.
Es gab aber auch leichtere Mittel der Kreditsicherung. Der Gläubiger war berechtigt, eine Karikatur des rückständigen, ehrlosen Schuldners anfertigen und öffentlich anschlagen zu lassen. Diese Karikaturen zeigten den Schuldner unter Galgen oder Rad stehend, oder rücklings auf Schwein oder Esel reitend.
Währungschaos im Schleswig-Holstein des 19. Jahrhunderts
Während die zur Verfügung stehenden Rechtsmittel relativ klar waren, zeigte sich die Situation im Münzwesen sehr viel komplizierter. In Kiel waren im Jahre 1852 und später folgende Währungen im Umlauf: Dänische Reichsmünzen und Reichsbankzettel, Schleswig-Holsteinisches Courantgeld und Kassenscheine, Preußische Taler und Kassenanweisungen, Hamburger und Lübecker Mark Courant, Hamburger Mark Banko sowie Mecklenburgische, Hannoversche und Braunschweigische Courantmünzen. Um diese Vielfalt bewältigen zu können, wurden die Kurse der betreffenden Währungen an der Hamburger Börse festgestellt und als amtliche Kurse veröffentlicht.
Für bestimmte Geschäfte wurde der Speziesthaler Pflichtwährung. Dadurch, daß zu Umschlagszeiten diese Währung stets knapp wurde, stieg ihr Kurs im Januar jeden Jahres stark an, um anschließend wieder genau so stark wieder abzusinken.
Wie umfangreich die Geldgeschäfte im Kieler Umschlag gewesen sind, läßt sich nur erahnen, handelte es sich hier doch schließlich nicht um eine staatlich kontrollierte Einrichtung, sondern um einen privaten Geldmarkt. Schaut man sich allerdings die Haushaltsrechnungen des Hofes in Gottorf an, so sind beispielsweise 80 % der Gesamtausgaben im Jahre 1605 auf dem Umschlag getätigt worden.
Das Ende des Kieler Umschlags ...
Mit der Industrialisierung kam das Ende des alljährlichen Geldtermins. Man benötigte große Geldsummen, und das nicht nur zu einem Termin im Jahr, sondern ständig. Der bargeldlose Zahlungsverkehr und die "modernen Kommunikationstechniken" des 19. Jahrhunderts machten die Dienstleute mit Karren voller Geldsäcke überflüssig. Es war unbequem und zeitraubend geworden, nach Kiel zu reisen; der Verdienstausfall war groß, und man bediente sich letztlich eines Stellvertreters.
Bankiers und Rechtsanwälte übernahmen die Umschlagsgeschäfte, bis dann gegen Ende des 19. Jahrhunderts dieser Geldmarkt vollkommen an Bedeutung verlor. Auch der Vergnügungsmarkt wurde von anderen Jahrmärkten und Freizeitangeboten verdrängt. Und durch die neu entstandenen Läden und Warenhäuser wurde schließlich auch der Warenmarkt abgelöst.





... und sein Neubeginn
Im Jahre 1975 war er dann aber wieder da. Der "erste Kieler Umschlag der Neuzeit" wurde veranstaltet. Anfangs noch bescheiden mit knapp zwei Tagen feiert man heute bereits an vier Tagen das historische Fest. Mit dem überlieferten Vorbild hat der heutige Umschlag allerdings nur noch wenig gemein. Der Termin ist von Anfang Januar auf Ende Februar gerutscht.
Sollte vielleicht eine innenstadtbelebende Veranstaltung gesucht worden sein, die die Stagnation zwischen dem Winterschlußverkauf und dem Ostergeschäft beseitigen sollte? Mit Umschlagstaler, Vergnügungs- und Warenmarkt werden die Menschen nach Kiel gelockt. Und vielleicht haben sie ja Glück und sehen den bereits vor langer Zeit gestorbenen Kieler Bürgermeister Asmus Bremer und seine am Kirchturm hängende Büx.
Carsten Ingwertsen