Orte der Kraft
Orte der Kraft
Kultplätze in Schleswig-Holstein
Das Getreidefeld am Travehang wiegt sich leicht im Spätsommerwind. Irgendwo dort in der Mitte soll ein altes Megalithgrab sein. Da, bei einer weiteren Windbewegung ist schemenhaft ein Stein zu sehen, der wie eine Kuppel über dem Feld schwebt. Vorsichtig kann man sich am Rand des Feldes einen Weg zu den Steinen bahnen. Dort findet sich dann auch bereits ein leicht ausgetretener Pfad. Scheinbar waren schon andere Besucher hier. Plötzlich erhebt sich das aus großen Findlingen errichtete Steingrab. Was ist das für ein Gefühl? Ist es Ehrfurcht vor dem Menschen, der hier in grauer Vorzeit bestattet wurde. Beim Legen der Hände auf die Steine kribbelt es leicht in den Fingerspitzen. Hat dieser Ort magische oder mystische Qualitäten. Ist er möglicherweise mehr als ein Bestattungsort? Vielleicht war diese Grabstelle in Groß Rönnau bei Bad Segeberg früher einmal ein heidnischer Kultplatz?
Szenenwechsel. In der Kirche von Pronstorf im Kreis Segeberg sitzen rund dreißig Menschen. Es war nicht der Gottesdienst, der sie in die 1198 erstmals erwähnte Kirche gelockt hatte. Es ist vielmehr Pastor Claus Frank, der etwas über die Geschichte der Kirche erzählt. Dabei spart er nicht mit Mythologie und Symbolik.
Als Bischof Vicelin den Norden christianisierte, ließ er in vielen Orten Kirchen bauen. Er errichtete die Kirchen auf den Plätzen, auf denen bereits die früheren Generationen ihre kultischen Handlungen verzogen. „Vicelin war schlau“, dröhnt Claus Frank mit mächtiger Stimme durch das Kirchenschiff. „Er schuf nicht neue Plätze und Feiern, sondern er bediente sich der alten Kultstätten und der alten Feiertage und drückte diesen nur ein christliches Gepräge auf.“ Kennzeichen der Kultplätze war immer, daß sie eine besondere Energiestruktur hatten. So stand der ursprüngliche Altar der Kirche von Pronstorf auf der Kreuzung zweier Wasseradern. „Sie werden hier an dieser Stelle energetisch aufgeladen. Und so werden Sie, wenn Sie die Kirche wieder verlassen, nicht mehr der sein, der Sie früher einmal waren.“ Pastor Claus Frank schildert, was ein Besucher der Kirche erlebte, wenn er das Gotteshaus durch das ehemalige Hauptportal betrat. Alle Kirchen, die Vicelin hat bauen lassen, sind in Ost-West-Richtung ausgerichtet. Der Eingang der Pronstorfer Kirche lag im Westen, so daß ein Kirchenbesucher in östlicher Richtung gehend die Kirche betrat. Er ging also in Richtung des Lichts. „Und was“, fragt Pastor Frank, „läßt der Besucher dann hinter sich? Es ist der Schatten des Zweifels, der Krankheit und anderer Probleme.“ Die Ausrichtung der Kirche nach Osten geschah übrigens dadurch, daß man am Ostertage feststellte, an welchem Punkt - betrachtet vom vorgesehen Altarplatz aus - die Sonne aufgeht. Diese Stelle wurde markiert und bildete für den Bau der Kirche den Orientierungspunkt.
An der Stelle, wo sich ursprünglich der Altar der Pronstorfer Kirche befand, wurde auch das Abendmahl gefeiert. Dieses Abendmahl ist in der Symbolik Blut und Leib Christi. Diese Symbole wurden auch verwandt, als vor etwa 150 Jahren der zweite Pronstorfer Friedhof eingeweiht wurde. In der Mitte des Friedhofs pflanzten die Menschen, die nach Meinung von Pastor Frank noch viel mehr Verständnis für Symbole hatten und auch diese Symbole eher wahrnahmen als die Menschen der heutigen Zeit, eine Blutbuche. Diese Blutbuche symbolisiert einerseits das Blut Christi und andererseits auch den Leib Christi, der bei dem Abendmahl als Oblate den Gläubigen zum Essen gegeben wird. Der lateinische Name für Buche ist Fagus, was in der lateinischen, aber auch griechischen Urform Essen bedeutet. So verbindet diese Blutbuche Blut und Leib Christi auf symbolische Art.
Damit aber nicht genug der Analogien: Diese Blutbuche steht, genau wie die Pronstorfer Kirche, auf einer kleinen Anhöhe. Und genau wie in der Kirche kreuzen sich unter der Buche zwei Wasseradern. Die Pumpe direkt neben dem Baum wird durch diese Wasseradern gespeist.
Im Wehrturm der Kirche wurden auf der untersten Ebene lange Jahre die Taufen abgehalten. Über dem Portal der Taufkapelle befand sich jedoch noch viel Platz. Dort waren mehrere Stockwerke eingezogen und boten, wenn der Ort belagert wurde, den Pronstorfer Bürgern die Chance, sich und ihre Habseligkeiten im Turm in Sicherheit zu bringen - sie konnten also türmen.
Die Kirche in Pronstorf ist ein Beispiel dafür, wie alte heilige Stätten in der Natur durch Christianisierung verändert wurden oder sogar ganz verschwanden. Viele Kultstätten sind der städtischen Bebauung zum Opfer gefallen. Dennoch gibt es eine Reihe von Plätzen, die auch heute noch Zeugnis der alten Kultstätten ablegen. Sie müssen nur gefunden werden. Dafür werden wissenschaftliche Verfahren genutzt, um den Kultplätzen auf die Spur zu kommen. Heilige Haine der Kelten und Germanen lassen sich zum Teil noch mit Hilfe von Luftaufnahmen in der Ackerstruktur erkennen. Aber auch chemische und physikalische Verfahren helfen hier weiter. Und zum Teil ist es einfach das Gespür der Menschen, das hilft, diese Plätze zu finden.
Was macht nun das Besondere an diesen Kultstätten aus? Ein Hain beispielsweise war in alten Zeiten ein heiliger Wald, ein Platz, wo man die Naturkräfte besonders spüren konnte, wo man mit den Göttern in Verbindung trat, ein Ort der Kraft und der Heilung. Menschen die einen solchen Ort verehrt haben, hatten ein intuitives Gespür dafür, wo besondere energetische Konzentrationen waren. Gisela Graichen beschreibt in ihrem Kultplatz-Buch das Finden solcher Kultplätze so: „Das kann ein einzelnstehender Baum, eine Buche, eine einzelne Eiche sein, die zum heiligen Platz wird, die gibt es überall. Orte, an denen Menschen Ruhe und Besinnung, Erweiterung, Sicherheit und Geborgenheit finden, sich erden, aufladen und dadurch wieder Kraft schöpfen. Wo sie einen Kontakt zur Erde und Natur, zu sich selbst herstellen. Diese Energien von starken Plätzen muß eigentlich jeder spüren.“ Es sind Orte, die sich durch besondere Energien auszeichnen - durch Erdstrahlen. Das sind ortsabhängige Schwankungen von Radioaktivität, besondere Magnetfelder, elektromagnetische Strahlungen, Schall- und Vibrationseffekte und natürlich Strahlung aus dem Weltall. Chemische Untersuchungen von vorgeschichtlich verehrten heiligen Quellen zeigen vor allem Bor-, Schwefel- oder Radiumgehalt an.
In Schleswig-Holstein gibt es nun - wie in den anderen Bundesländern und in vielen anderen Ländern - auch heute noch eine ganze Reihe von vorgeschichtlichen Kultplätzen. Besonders magische Qualität haben Moore. So war das Thorsmoor von Süderbrarup (Kreis Schleswig- Flensburg) etwa vor 2 000 Jahren der größte und bedeutendste Opferplatz der Landschaft Angeln, das zentrale Stammesheiligtum der Angeln. Die Kultstätte war dem Gott Thor geweiht. Hier wurden über 500 Jahren sehr wertvolle Opfergaben deponiert. Moore waren unergründlich. Was sie einmal verschluckten, tauchte nie wieder auf. So wurden Moore immer wieder als Opferplatz genutzt. Ob auch im Thorsmoor Menschenopfer gebracht wurden, ist nicht bekannt. Die Moorleichen aus dem Schleswig- Holsteinischen Landesmuseum im Schloß Gottorf sind vielleicht Zeugnisse einer harten Bestrafung, könnten aber auch Zeugnisse von Menschenopfern sein.
Neben dem Thorsmoor befindet sich der Grabhügel „Kummerhy“ mit einem kleinen Steinkreis um einen Runenstein in der Mitte und einem zwei Meter hohe Wächterstein mit mehr als 45 Schälchen. Etwa 700 Meter östlich des Thorsberger Moores entspringt die heilige Quelle von Süderbrarup. Diese Quelle entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Wallfahrtsort heidnischer Pilger. Brandstellen und Scherben in der Umgebung der Quelle stammen aus der Zeit der Christianisierung. Untersuchungen der Quelle ergaben, daß das Wasser schwach radioaktiv ist. Diese schwache Strahlung wirkt in entsprechender Dosierung heilend, was die Menschen vor etwa zweitausend Jahren auf irgendeine Art und Weise wahrgenommen haben müssen. Sie standen vermutlich in engerer Verbindung zu den Naturkräften.
Zwischen Ahrensbök und Eutin liegt der kleine Ort Braak (Kreis Ostholstein). Vor etwa 2 500 Jahren schufen die Menschen dort für ihre Kulthandlungen zwei Pfahlgötter, die später im Torf des Aukamper Moores bei Braak gefunden wurden. Bei diesen Pfahlgöttern handelt es sich wahrscheinlich um Fruchtbarkeitsgottheiten, so daß zu vermuten ist, daß es um einen Opferplatz insbesondere für Fruchtbarkeitsrituale gehandelt hat. Die beiden Figuren von 2,80 und 2,30 Meter Größe befinden sich heute im archäologischen Landesmuseum im Schleswiger Schloß Gottorf. Das Aukamper Moor war vermutlich über einem längeren Zeitraum ein zentraler Opferplatz und Mittelpunkt religiöser Handlungen.
Auch die Westküste Schleswig-Holsteins hat ihre Kultplätze. In der Nähe von Albersdorf liegt der Schalenstein von Bunsoh (Kreis Dithmarschen) - eines der beeindruckendsten Zeugnisse heidnischer Kulte. In vielen indogermanischen Religionen versinnbildlichen Hände und Füße die Gegenwart einer Gottheit. In dem Schalenstein von Bunsoh sind neben zahlreichen Schälchen Hand- und Fußdarstellungen und ein Radkreuz eingemeißelt. „Der Deckstein eines Megalithgrabes etwa aus der Zeit 2 500 bis 2 200 vor Christus verursacht ein eigenartiges Kribbeln, wenn man die Hände auf ihn legt“, stellt Gisela Graichen in ihrem Kultplatz-Buch fest.
Inzwischen gibt es gerade im esoterischen Bereich Gruppen, die sich darum bemühen, wieder mehr Verbindung zu den natürlichen und ursprünglichen Kräften zu bekommen. In Kiel sucht die Gruppe „Quelle des Friedens“ die verschiedene Orte der Kraft, ehrt und verbindet sie miteinander zu einer Energielinie - zu einer sogenannten Leyline. Ilse Rendtorff stellt die Intention der Gruppe dar: „Wir leben Schleswig-Holstein in uraltem Siedlungsraum. Auf den Feldern werden steinzeitliche Klingen gefunden. Steinkreise und Hünengräber geben Zeugnis von alten, vergessen Kulturen. An diesen Orten mögen vor Jahrtausenden Menschen ihre Rituale gehalten haben, im Kontakt mit der Erde, den Kräften der Natur und dem Göttlichen.“
Seit einiger Zeit erwacht in vielen Menschen mehr und mehr ein Interesse daran, mit dem alten Orten der Kraft wieder Verbindung aufzunehmen. Das hat, nach Ansicht der Kieler Gruppe, eine ganze Reihe von Gründen. „Wir begreifen, daß wir Teil der Herde sind. Wir beginnen die Erde und die Natur wieder als beseelt, als lebendig zu verstehen. Und unser Zustand, unruhig, von Immunschwäche, Krankheiten und Depressionen ständig bedroht, macht uns klar, daß wir einen anderen Lebensstil brauchen, um wieder zur inneren Ruhe zu finden. All dies motiviert dazu, die Natur mit neuer Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Und gerade an alten Kultplätzen können wir von der Gegenwart helfender und schützender Kräfte ausgehen. Kräfte, die uns bedrohen oder schaden, begegnen wir weit eher in der Unruhe unserer Städte, in der unkontrollierten Strahlung der Fernseher und Illustrierten.“
So sind die Kultplätze auch heute noch das, was sie vor Jahrtausenden waren: Orte der Kraft, Orte der Besinnung, Orte der Heilung. Die Menschen könnten aus diesem großen Reservoir schöpfen - sie müssen es sich nur erschließen. Und dabei ist es gleichgültig, ob es ein Moor, ein Hügelgrab, eine Kirche, eine Bergspitze oder ein mächtiger Wald ist.
Carsten Ingwertsen
Fotos
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Die Blutbuche auf dem Pronstorfer Friedhof steht, genau wie die Kirche, auf einer kleinen Anhöhe. Und genau wie in der Kirche kreuzen sich unter der Buche zwei Wasseradern.
Foto: Carsten Ingwertsen
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In der Nähe von Albersdorf liegt der Schalenstein von Bunsoh (Kreis Dithmarschen) - eines der beeindruckendsten Zeugnisse heidnischer Kulte.
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Im Schalenstein von Bunsoh befinden sich zahlreiche Schälchen, Hand- und Fußdarstellungen und ein Radkreuz.
Foto: Carsten Ingwertsen

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Der Grabhügel „Kummerhy“ mit einem kleinen Steinkreis um einen Runenstein in der Mitte und einem zwei Meter hohe Wächterstein mit mehr als 45 Schälchen.
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Das Megalithgrab am Rande von Groß Rönnau in der Wintersonne.
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Am Rande von Groß Rönnau liegt ein altes Megalithgrab inmitten eines Getreidefeldes.
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Die heilige Quelle von Süderbrarup entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Wallfahrtsort heidnischer Pilger.
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Das Thorsmoor von Süderbrarup war der größte und bedeutendste Opferplatz der Landschaft Angeln, das zentrale Stammesheiligtum der Angeln.
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